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GRUNDGESETZ. EIN CHORISCHER STRESSTEST

von Marta Górnicka | GASTSPIEL des Maxim Gorki Theater Berlin

Dauer: ca. 0h 30

25.05.2019 BUNDESVERFASSUNGSGERICHT, VORPLATZ

GRUNDGESETZ. EIN CHORISCHER STRESSTEST

Foto: Ute Langkafel MAIFOTO | Aufführung in Berlin, 3.10.18

Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz in einer feierlichen Sitzung des Parlamentarischen Rates durch den Präsidenten und die Vizepräsidenten ausgefertigt und verkündet. Es ist das Dokument, das die Bundesrepublik konstituiert. Die polnische Regisseurin und Wiederentdeckerin des chorischen Prinzips Marta Górnicka bringt das Grundgesetz mit einem Chor von 50 Bürger*innen aus Berlin und Karlsruhe zur Aufführung: Auf den Balkonen des Bundesverfassungsgerichts, dessen transparenter Bau vor 50 Jahren eröffnet wurde, wird das Grundgesetz einem Stresstest unterzogen, um die Belastbarkeit seiner Aussagen in Krisensituationen zu überprüfen.

Bürger treten auf die Balkone, die Repräsentierten stehen oben und unten, die Architektur wird durchlässig und die multiplen, hochsymbolischen Achsen des Gebäudekomplexes werden erfahrbar. Zum ersten Mal in der Geschichte wird im Bundesverfassungsgericht Theater gespielt. Zugleich kommt das theater 75 Jahre nach der Zerstörung des alten Badischen Staatstheaters wieder an den Schloßplatz zurück. Architekt Paul Baumgarten hatte für den Wiederaufbau des Theaters ein nachkriegsmodernes Ensemble aus Pavillons entworfen. Der Entwurf wurde abgelehnt; aus einem zweiten Wettbewerb für den Bauplatz am Ettlinger Tor ging Helmut Bätzner als Sieger hervor. Paul Baumgarten gewann den Wettbewerb für das neue Bundesverfassungsgericht am Schlossplatz, das 1969 eröffnet wurde.

Marta Górnicka über GRUNDGESETZ. EIN STRESSTEST:

Wir werden diesmal mit Hilfe von Körpern und Stimmen das Gebäude des BUNDESVERFASSUNGSGERICHTS besetzen und mit der symbolischen Macht des Ortes, der auch als Hort der bundesrepublikanischen Demokratie gilt, arbeiten. 

Durch seine transparente Struktur und Glaswände – die den Blick in den Sitzungssaal freigeben – wird die offene Architektur des Bundesverfassungsgerichts selbst zum Thema der Intervention. Die Macht der demokratischen Architektur wird einem Stresstest unterzogen. Wir überprüfen, wie sich diese zum CHOR verhält, zu einem vielsprachigen, kollektiven Subjekt, das, weil es mit rechtlichen Kategorien nicht fassbar ist, zu einer Herausforderung für die symbolische Macht dieses Gebäudes wird. Wir setzen das Bundesverfassungsgericht der kritischen Kraft von fünfzig Stimmen aus und der Kraft des Gesetzestexts, der von einer Gemeinschaft von Menschen gesprochen wird, welche die Sprache des Grundgesetzes in seiner Mächtigkeit, in seiner Zerbrechlichkeit sowie in seiner Spannung und Stille demonstrieren werden.

Das GRUNDGESETZ befindet sich heute in einem besonderen Spannungsmoment.

FREIHEIT, ASYLRECHT, RECHT ZUM WIDERSTAND, BÜRGER, VÖLKERVERSTÄNDIGUNG, VOLK, HEIMAT, DEMOKRATIE, GERECHTIGKEIT, EINHEIT – die Politik beutet Wörter aus, macht sich sie zu eigen, nimmt sie auseinander, probiert sie aus. Sie führt mit ihnen Krieg.

Wer ist das Subjekt der Verfassung? In wessen Namen spricht sie? Wem gehört sie? Kann ein Text, der „allen Deutschen“ Grundrechte gewährleistet, vor Gewalt und Rassismus schützen? Ist ein Text, der die Demokratie „garantiert“, auch in der Lage, sie zu „verteidigen“?

„Mich interessiert die Spannung zwischen Recht und Gewalt – die Grenzen und die Belastbarkeit des Konsenses, der uns vor dem Gebrauch von Gewalt schützt. Diesen Konsens können wir nur in der Sprache erreichen. Es sind die in Form von Recht niedergeschriebenen Wörter, die zur Abrüstung beitragen. Sie nehmen uns im wahrsten Sinne des Wortes die Waffe aus der Hand und erlauben es uns, das Recht des Stärkeren zu überwinden. Allerdings sind es auch die Wörter – entsprechend gebraucht –, die den Gegner bewaffnen. Jeder Völkermord, jeder Akt systembedingter Gewalt oder verweigerter Solidarität, der Opfer fordert, findet zunächst in der Sprache statt.

Heute ist die deutsche Gesellschaft in ihrer Selbstwahrnehmung tief gespalten. Dabei prallen zwei widerstreitende Vorstellungen von Gemeinschaft aufeinander: eine nationale und ethnisch homogene sowie eine offene und diverse. Ein Kampf mit Worten, aber auch um Wörter.

Welche Vision, dient dem Weltfrieden‘? Wer ist das Volk‘? Wem gehört dieses Land? Welcher Deutsche gehört zu Deutschland? Wer sind ‚ALLE DEUTSCHEN‘?

Indem wir das Grundgesetz einem Stresstest unterziehen, messen wir die maximale Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit der grundgesetzgebenden Wörter.“

Grundgesetz ist eine Produktion des Maxim-Gorki-Theaters, Berlin. Es wird gefördert von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa Berlin, der Bundeszentrale für politische Bildung und der Kulturstiftung des Bundes. In Zusammenarbeit mit der Kulturprojekte Berlin GmbH und dem Ramba Zamba Theater. Das Gastspiel zum Tag der offenen Tür des Bundesverfassungsgerichts wird gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Bundesverfassungsgericht und der Stadt Karlsruhe. In Zusammenarbeit mit der Karlsruhe Marketing und Event GmbH und dem STAATSTHEATER KARLSRUHE.

REGIE / LIBRETTO / KONZEPT Marta Górnicka KOMPOSITION Polina Lapkovskaja KONZEPT CHOREOGRAFIE Anna Godowska CHOREOGRAFIE BERLIN Tomasz Wygoda KOSTÜME Isabell Reisinger DRAMATURGIE Aljoscha Begrich (Berlin), Sarah Stührenberg (Karlsruhe) PRODUKTIONSLEITUNG Christine Leyerle (Berlin), Bernardo Sousa de Macedo (Karlsruhe)

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