Zur mobilen Version

Navigation einblenden

BALLETT: ZUKUNFT BRAUCHT HERKUNFT

von Thiago Bordin

URAUFFÜHRUNG

Dauer: ca. 2h 00, 1 Pause 

VOR DER PREMIERE
13.04.2019 KLEINES HAUS
PREMIERE
27.04.2019 GROSSES HAUS

ZUKUNFT BRAUCHT HERKUNFT - Trailer

Happy Birthday! Die Frühjahrspremiere des STAATSBALLETTS steht ganz im Zeichen der Zukunft. Als tiefschürfende und hintersinnige, wahnwitzige und gewagte Jubiläumsuraufführung setzt sich die neue Produktion mit 300 Jahren Karlsruher Kultur- und Theatergeschichte auseinander, die mit Tanz und Gesang begann. Die Kreation spannt mit den faszinierenden Ausdrucksmöglichkeiten des Balletts den Bogen von den Anfängen des STAATSBALLETTS visionär bis ins Morgen. Damit ist sie eine Liebeserklärung an den Tanz an sich, die theatrale Ausdrucksform mit der längsten Tradition.

Thiago Bordin, ehemaliger Erster Solist des Hamburg Ballett und des Nederlands Dans Theater, hat sich dem Karlsruher Publikum bereits mit den Kreationen Voices of Silence, Ein fremder Klang, Sibelius für B., Desiderium und zuletzt mit Episoden für die Ballett Gala 2018 als Choreograf vorgestellt. Er wird mit dem STAATSBALLETT sein erstes abendfüllendes
Werk erarbeiten. Dies ist ganz im Sinne des von Ballettdirektorin Birgit Keil seit Beginn ihrer Tätigkeit am STAATSTHEATER eingeschlagenen „Karlsruher Wegs“, der neben der Pflege der Klassiker die Kreation neuer Werke und die zukunftsträchtige Nachwuchsförderung in den Mittelpunkt rückt.

MUSIK Jóhann Jóhannson, Johann S. Bach, Reinhard Keiser, Wolfgang A. Mozart, Ludwig van Beethoven, Frédéric Chopin, Peter I. Tschaikowski, Richard Wagner, Max Richter, Igor Strawinsky, Philip Glass, Nils Frahm CHOREOGRAFIE & INSZENIERUNG Thiago Bordin BÜHNE Numen & Ivana Jonke KOSTÜME Bregje van Balen LICHT Stefan Woinke DRAMATURGIE Silke Meier-Brösicke MIT Solist*innen & Balettensemble des STAATSBALLETTS KARLSRUHE

PHYSIS, AUSDRUCK, ABSTRAKTION
ZUR INSZENIERUNG

Ein Interview mit dem Produktionsteam

Thiago, deine Kreation umfasst 300 Jahre Theater- und Tanzgeschichte. Welche Epochen, Stile und Ereignisse hast du ausgewählt und warum?

Thiago Bordin
Ich beginne im Barock mit der Stadt- und Theatergründung von Karlsruhe und zeige den Stadtgründer und Namensgeber, Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach, als genialen Visionär, der von Anfang an das Theater als unabdingbaren Bestandteil seiner neuen Stadt etabliert hat. Ich spiele auch humorvoll mit der Legende seiner Vorliebe für schöne Frauen und seiner problematischen Ehe mit der württembergischen Prinzessin Magdalena Wilhelmine, die nach der Stadtgründung nicht mit nach Karlsruhe umzog, sondern bis zu ihrem Tod in der alten Residenz, der Karlsburg in Durlach, wohnen blieb.

Wie hast du dich der Tanzgeschichte angenähert?

TB
Mein Zugang zur Tanzgeschichte ist ein rein physischer. Denn im Tanz kommuniziert man durch Körperlichkeit. Das Wichtigste ist, dass der Ausdruck, die Aussage auch die Muskeln, auch die Knochen durchdringt. Daher erzähle ich die Zeitreise durch die Körper der Tänzer*innen und die unterschiedlichen Bewegungsstile, dadurch, wie hoch man Beine und Arme in den jeweiligen Epochen gehoben hat. An der Romantik mit der Begründung des Spitzentanzes durch Marie Taglioni und dem Pas de Quatre der vier größten Primaballerinen der damaligen Zeit 1845 in London komme ich ebenso wenig vorbei wie an der Blütezeit des Imperialen Balletts in St. Petersburg unter Marius Petipa, dessen Choreografien heute noch Bestandteil der klassischen Tanzausbildung sind. Mit dem Jahrhunderttänzer Vaclav Nijinsky dreht sich plötzlich alles nach innen – ausgehend von den Füßen bis in alle Extremitäten und den ganzen Körper. Mit ihm und den Ballets Russes des Impresario Sergej Diaghilew fängt 1909 eine neue Zeit an, in der Komponisten, Schriftsteller und Bildende Künstler im Ballett zusammenkommen. In diese avantgardistische Wiege ist auch George Balanchine geboren, der Begründer der Neoklassik. Mit ihm werden die Bewegungen noch höher, schneller und weiter. Heute sind die physischen Anforderungen an Tänzer*innen ähnlich extrem wie bei Leistungssportler*innen.

In welcher Epoche endet der Abend?

TB In der Schlussszene ist die Gegenwart erreicht und ich wage einen Ausblick in die schnelllebige Zukunft. Wir sind zwar technologisch schon jetzt extrem fortgeschritten, verlernen aber immer mehr die direkte Kommunikation. Wie oft sieht man Paare beim gemeinsamen Dinner im Restaurant, und doch daddelt jeder für sich alleine auf dem Handy herum. Die Tänzer*innen tanzen auch miteinander, haben aber längst nicht mehr die Verbindung und Harmonie untereinander wie in der Szene des Imperialen Ballett. Mir war es wichtig, am Schluss auch ins Moderne zu gehen, bis hin zu Pop Art, Breakdance und Pop Locking. Tänzer*innen heute müssen doch alles machen, denn zeitgenössische Choreografen benutzen diese Tanzsprachen.

Wie ist die Musikauswahl entstanden?

TB Bei der Musikauswahl gehe ich instinktiv vor. Beim Hören weiß ich schon beim ersten Klang, spätestens nach den ersten acht Takten, ob eine Musik zu mir spricht. Dann entstehen Visionen in meinem Kopf. Wenn Dinge, die ich in meinem Wohnzimmer in meinen Kopfhörern gesehen habe, Monate später wirklich im Ballettsaal passieren, ist das eine große Erfahrung.

Das Industriedesignerkollektiv Numen entwirft gemeinsam mit Ivana Jonke das Bühnenbild. Sven, welcher Grundidee folgt euer Entwurf?

Sven Jonke
Der Zerstörung folgt der Wiederaufbau. Diese Metapher umschreibt treffend das bisherige Schicksal des BADISCHEN STAATSTHEATERS KARLSRUHE, denkt man an große historische Unglücke wie den Theaterbrand von 1847 oder die Zerstörung durch Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg. Um diese Metapher zu visualisieren, haben wir sehr leichte Materialien ausgewählt, die dennoch eine große Struktur bilden und die wir teilweise mit Luft füllen. Dadurch erhalten wir Konstruktionen, die einfach und schnell auf- und wieder abzubauen sind. Natürlich können wir die Bombardierung des Zweiten Weltkrieges, die das STAATSTHEATER zerstört hat, nicht realistisch wiedergeben. Wir setzen stattdessen eine Stilisierung ein, die durchaus die Schönheit und den Genuss der Zerstörung mit inszeniert. Das zerstörte Objekt wird anschließend beerdigt, wird in den abfahrenden Orchestergraben herabgelassen wie der Sarg in ein Grab. Die einzelnen Elemente, obwohl jedes für sich sehr abstrakt, spiegeln subtil immer die zentrale Metapher wider.

Verzichtet ihr komplett auf realistische Details?

SV
Nein. In der vorletzten Szene, die sich dem Heute widmet, zitieren wir ganz bewusst realistische Elemente, architektonische Details des jetzigen Theatergebäudes von Helmut Bätzner: die großen Leuchter aus den Foyers und die Bofinger-Stühle, die heute zu den bedeutendsten Klassikern des modernen Möbeldesigns zählen. Denn diesen Details begegnet das Publikum, wenn es ins Theater kommt. Sehen die Zuschauer*innen diese Objekte auf der Bühne, erinnern sie sich daran und können auch sich selbst in gewisser Weise in diesen Details (wieder-)entdecken.

Wie setzt ihr den Theaterbrand von 1847 in Szene?

SV
Anstatt des Feuers zeigen wir das Wasser, das das Feuer löscht. Wir verwenden eine wasserlösliche Folie, die vom Regen zersetzt wird. Die sich zersetzende Folie ähnelt verbranntem Gewebe, Haut!

Der architektonische Grundriss von Karlsruhe ist der Fächer, in dem die Straßen wie Strahlen der Sonne vom Schloss aus in die Stadt führen, in Anlehnung an das Schloss Versailles des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. Welche Rolle spielt der Fächer in eurem Bühnenbild?

SV
Der Fächer ist für uns ein Leitmotiv. Er steht für den Urbanismus der „Fächerstadt“ Karlsruhe, er ist sozusagen der Masterplan, die Matrix. Formal betrachtet ist er ein sehr interessantes Element, das wir am Anfang in einer dreidimensionalen perspektivischen Form vorstellen – in einer Installation mit dünnen Seilen, die von der Bühne bis in den Zuschauerraum reichen. Dadurch hat das Publikum gleich das Gefühl, Teil des Stücks zu sein. Der Fächer dient zudem als Rahmen des gesamten Abends und kommt am Ende wieder zum Einsatz, diesmal in der immaterielleren Variante des Laserlichts. Der Laser hat etwas Futuristisches, einen Hauch von Hightech im Gegensatz zu den Seilen am Anfang. Nachdem wir 300 Jahre Geschichte erzählt haben, dient er als „Next Level“-Metapher für die Zukunft, den Fortschritt und das Virtuelle, das uns wahrscheinlich in den nächsten 300 Jahren erwartet.

Bregje, sind deine Kostüme historisch korrekte Reproduktionen der unterschiedlichen Modeepochen?

Bregje van Balen Nein, überhaupt nicht. Die Kleidung beispielsweise im Barock war sehr üppig und dekorativ und würde, wortwörtlich zitiert, nicht in den Kontext der Zeitreise passen, und schon gar nicht zum hypermodernen Bühnenbild. Also habe ich den Barock (wie auch die anderen Epochen) sozusagen „fragmentiert“ und auf die typischen Silhouetten reduziert: bei den Männern auf die Justaucorps, die langen Jacken, und bei den Frauenkleidern auf das enge Korsett und die ausladenden Hüften. Die zentrale Idee für alle Szenen war die Feier zum 300. Geburtstag des Theaters. Ich wollte farbige, bunte Kostüme entwerfen – auch, um die leere schwarze Bühne und die größtenteils weißen Bühnenbildelemente zu kontrastieren. Und natürlich darf der Fächer als Detail in dem einen oder anderen Kostüm nicht fehlen.

Wie sehen die Kostüme für Vaclav Nijinsky in der großen Reminiszenz-Szene an die Ballets Russes aus?

BVB
Auch sie sind reduzierte, abstrahierte Versionen, Fragmente bis zu dem Grad, dass relativ originalgetreue Zitate es dem Publikum ermöglichen, die einzelnen Rollen, die Nijinsky damals getanzt hat, wiederzuerkennen. Vom Petruschka-Kostüm beispielsweise sind nur der große Kragen und die Handschuhe übriggeblieben.

Warum bringst du am Ende keinen konkreten heutigen Modestil auf die Bühne?

BVB
Ich habe mich für schlichte Shirts und Pants entschieden. Denn wir wissen nicht, was die Zukunft für uns bereithält. Mit einem „Urban Style“ würde ich als Zeit unsere unmittelbare Gegenwart etablieren und damit den Schritt in die Zukunft verbauen. Ich wollte etwas Abstraktes, das das Ende offenlässt.

 

Das Interview führte Silke Meier-Brösicke.

                                       
                  
Mit freundlicher Unterstützung von
             

>> weiter zur BALLETT-ÜBERSICHT

Navigation einblenden