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300 JAHRE STAATSTHEATER, FESTREDE vom 13.1., WINFRIED KRETSCHMANN

 - Foto:

EIN GLOBAL PLAYER DER KULTUR
FESTREDE VON WINFRIED KRETSCHMANN, MINISTERPRÄSIDENT des Landes BADEN-WÜRTTEMBERG

Meine Damen und Herren,

vergangene Ostern war ich hier im Badischen Staatstheater. Und habe mir fast den ganzen Ring-Zyklus angesehen.

Das war wirklich ein Hochgenuss. Beim Ring, das muss man zugeben, auch wenn es ein bisschen kitschig ist, wartet man ja immer darauf: Wie löst die Regie das diesmal mit dem Walkürenritt? Und dann kamen sie angerauscht mit ihren Motorradbrillen durch den Äther. Das war einfach genial. Und ich dachte: Der Regisseur wollte es einfach auch mal schön haben. Einfach mit so einer Harley Davidson durch den Äther rauschen, bevor das ernste Geschäft beginnt, die Helden vom Schlachtfeld aufzusammeln und in die Walhalla zu führen. Dann gefällt mir Wagner. Ich weiß nicht, was Wagner selbst dazu gesagt hätte. Das ist wahrscheinlich auch eine ganz dumme Frage. Aber mir hat es sehr gut gefallen. Ich fand das einfach stark.

In die Oper gehe ich, wann immer es möglich ist. Musik, Schauspiel, Bühnenbild – gleich alles auf einmal. Ideal für vielbeschäftigte Leute. Alte Stoffe werden modern, jedes Mal wenn man sie neu inszeniert. Ich bewundere, wie Regisseure, Dramaturgen und Darsteller daraus die großen, existenziellen Fragen herausschälen und zeitgenössisch machen. Und sie mit ihrer Kreativität immer wieder neu zuspitzen. Das ist sehr inspirierend – auch für einen Politiker.

Wir feiern ja demnächst 70 Jahre Grundgesetz. Da stellt sich letztlich dieselbe Frage: Machen wir die große Komposition des Grundgesetzes immer wieder zeitgemäß, so dass es die Menschen immer wieder begeistert? Deshalb ist es sehr inspirierend, wenn man in die Oper geht und sieht, wie es gelingt, aus den alten Stoffen etwas Zeitgenössisches zu machen. Damit an den Unruhepunkten der Gesellschaft zu rühren. Und Funken zu schlagen, aus denen neue Antworten entstehen. Diese Funken fliegen hier in Karlsruhe ja besonders gut.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
Karlsruhe ist ein Biotop für mutige und kreative Geister. Für Forscher und Tüftler. Carl Benz und Heinrich Hertz kamen von hier. Aber auch für Maler und Musiker, für Regisseure, Sänger, Schauspieler, Tänzer und Musik- und Museumsleute. Ich denke an Georg Baselitz, Wolfgang Rihm oder an Sasha Waltz oder Peter Weibel.

Karlsruhe ist ein Ort für Mutige, die sich trauen, anders zu denken. Und für Kreative, die etwas Neues, Großartiges erschaffen. Ohne Karlsruhe sähe die Welt anders aus: weniger Tempo, weniger Farbe, weniger Klang. Egal ob in der Politik, in Kunst und Kultur oder Wissenschaft: Neue Sichtweisen, Weltoffenheit, Kreativität machen Karlsruhe zur „Morgenstadt Nummer 1“. Das Ranking stammt vom Fraunhofer-Institut. Herzlichen Glückwunsch dazu!

Eine solche Zukunftsstadt hat natürlich auch ein Zukunftstheater. Und das schon seit 300 Jahren. 1719, mitten im Absolutismus, wurde es gegründet. Man muss sich das einmal vorstellen: Damals hatten Schauspielerinnen und Schauspieler noch den gleichen Status wie Lakaien. Und das Publikum war gehalten, seine Meinung für sich zu behalten. Ich zitiere: „Wer keinen Beifall äußern kann oder will, soll schweigen und nicht dem milden Urteil des Souveräns Hohn sprechen“. In einer solchen Zeit würde man eigentlich ein reines Hoftheater erwarten. Nicht so in Karlsruhe, wo sich das Theater gleichzeitig mit der neugegründeten Stadt entwickelte, wo man den Bürgerinnen und Bürgern viel Platz einräumte, wo man am Theater vieles anders und neu machte. Das zeigen zahlreiche Ur- und Erstaufführungen, zum Beispiel von Werken von Brahms, Schubert, Berlioz. Außerdem erkannte man hier, in „Klein Bayreuth“, früh den Wert der Musik Richard Wagners. Auch der Intendantenberuf im heutigen Sinne wurde hier erfunden. Von Eduard Devrient, dem allerersten Bürgerlichen, der dieses Amt an einer deutschen Hofbühne innehatte.

Heute feiern wir ein Theater, das sich von Anfang an gemeinsam mit der Stadt entwickelt hat, seitdem ununterbrochen in Betrieb ist und einiges überstanden hat: Feuer, Krieg, Zensur, Zerstörung und Wiederaufbau. Heute strahlt das Staatstheater mit seinem Repertoire in die ganze Stadt, in die Region und die Welt.

Sehr geehrter Herr Spuhler,
Sie haben einmal geschrieben, das STAATSTHEATER sei „ein Wohnzimmer für die Stadt, ein Ort zum Diskutieren, zum Verweilen“. Ein offenes Haus für eine offene Gesellschaft sei Ihr Ziel. Das ist wichtig. Besonders jetzt, da Viele wieder Grenzen ziehen oder Mauern bauen wollen. Auch in den Köpfen. Theaterarbeit in Karlsruhe öffnet Türen und vernetzt. „Maximal regional, maximal international“ lautet das Motto. Vor Ort findet ein fruchtbarer Austausch statt mit Kirchen, Gewerkschaften, Kulturinstitutionen und der Bürgergesellschaft. Das bereichert die Stadt.

International ist das STAATSTHEATER ein Brückenbauer. Auf vier Kontinenten haben die Karlsruher bereits ihre Kreativität gezeigt. Und haben zum einen neue Impulse und Ideen mit nach Hause gebracht. Zudem sind sie aber auch in Kontakt gekommen mit Künstlerinnen und Künstlern, die unter ganz anderen Bedingungen arbeiten. Etwa im Iran, in Syrien, in Russland oder auch in Polen und Ungarn. In Ländern, in denen Kunst kein geschütztes Gut ist. In denen der Staat Kreativität beschränkt oder sogar verfolgt. Das STAATSTHEATER übernimmt dann dort eine wichtige Brückenfunktion – für die freiheitliche Demokratie und für eine offene Gesellschaft.

Offenheit beweist das STAATSTHEATER auch für neue Spielformen. Theater stammt ja vom griechischen „Theatron“: „Ort, von dem man zuschaut“. Doch dabei bleibt es nicht. Mitmachen ist angesagt. Das STAATSTHEATER holt mit seiner Sparte VOLKSTHEATER das Publikum auf die Bühne. Etwa im Stück 100 Prozent Karlsruhe. Da haben 100 Karlsruher das statistische Ebenbild der Stadt repräsentiert. Und gezeigt, wie sie die Welt sehen. Das macht das Karlsruher Theater zu einer der innovativsten und erfolgreichsten Bürgerbühnen in Deutschland.

Alle Bereiche haben in den letzten Jahren erfolgreich am Theater der Zukunft gearbeitet, haben neue Formen und Formate entwickelt. Das Land Baden-Württemberg konnte einige dieser Projekte aus dem Innovationsfonds Kunst fördern, andere wurden mit dem Preis „Deutschland – Land der Ideen“ ausgezeichnet.

Alle Sparten stehen für zeitgenössisches Theater auf höchstem Niveau. Besonders gefreut hat mich, dass Tobias Kratzer für seine Inszenierung der Götterdämmerung den FAUST bekommen hat, den wichtigsten deutschen Theaterpreis. Deutschlands bestes Konzertprogramm und Deutschlands beste Tänzerin stammen ebenfalls aus Karlsruhe. Und auch die Einladungen zu bedeutenden Festivals und zum Theatertreffen zeugen von der künstlerischen Kraft der Ensembles und der Leitungsteams.

Das zeigt: Karlsruhe verbindet hohe ästhetische Qualität, relevante Aussagen und gutes Handwerk. Eine hervorragende Basis für die Zukunft.

Und deshalb ist es mehr als ein schöner Zufall, dass die laufende Spielzeit des Staatstheaters Von Zukunft heißt. Gerade haben wir auf dem Vorplatz einen ersten Eindruck davon gewonnen, wie die Zukunft aussehen könnte, mit einem Haus, das den ganzen Tag offen ist, mit flexiblen Foyers, mit Probebühnen, die Einblicke

in kreative Prozesse geben und mit zeitgemäßen, sicheren Arbeits­plätzen. Auch hier wird das „offene Haus für eine offene Gesellschaft“ ernst genommen.

Ich bin stolz darauf, dass das Land Baden-Württemberg und die Stadt Karlsruhe stark und gemeinsam in diese Zukunft investieren. Gerade auch wenn man Karl Valentins Spruch abwandelt: Kunst ist schön, kostet aber auch viel Geld. Wir machen dadurch klar: Unser Land ist nicht nur ein wichtiges Industrieland. Es ist auch ein Kulturland mit Weltruf! Ein Global Player der Kultur wie das BADISCHE STAATSTHEATER ist so wichtig wie der Daimler oder SAP, unsere Global Player der Wirtschaft. In solchen Kategorien müssen wir denken!

Und deshalb werden wir den guten Ruf des BADISCHEN STAATSTHEATERS nicht nur einfach bewahren. Wir wollen ihn ausbauen. Und bekennen uns dadurch zugleich zu einer lebendigen, kritischen, furiosen Kulturproduktion auf allerhöchstem Niveau in der Mitte unserer Gesellschaft, die wir immer wieder erleben dürfen!

Meine Damen und Herren,
wir feiern also heute nicht nur ein Haus, das eine große Tradition hat. Sondern auch eine große Zukunft. Das stolz auf seine Wurzeln ist und zugleich mutig neue künstlerische Wege geht. Begleitet von einem treuen Publikum und loyalen Förderern und Freunden. Ihnen danke ich herzlich!

Doch den Weg beschreiten vor allem Sie, die Beschäftigten dieses STAATSTHEATERS. Ich danke Ihnen für Ihren Einsatz auf der Bühne und im Orchestergraben, vor und hinter den Kulissen, in den Proberäumen, in den Werkstätten und in den Büros. Nur durch Ihre Leidenschaft, Ihre Kreativität und Ihr Engagement hebt sich der Vorhang!

Herzlich danke ich auch den Freunden und Förderern des STAATSTHEATERS und dem Publikum für seine Treue. Ich gratuliere dem STAATSTHEATER KARLSRUHE ganz herzlich zum 300. Jubiläum.

Toi toi toi für die Zukunft!

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